Samstag, 24. April 2010

Klaus Auerwald: ...sonst kommst du nach Schwedt!

»Nach Stunden kamen wir an. Die Sonne schien und blendete mich, als ich aus der Zelle ins Freie fiel. Ich wurde aufgehoben und begann, meinen Körper allmählich an den aufrechten Gang zu gewöhnen, während das grüne Personal die Formalitäten mit dem blauen Haftpersonal regelte. Die Ware Mensch wurde übergeben, ohne äußerliche Beschädigungen. Meine innerlichen Schmerzen waren Privatangelegenheit, sie wurden nicht registriert. Mir tat jetzt auch noch viel mehr weh, als nur der Unterleib. Mein ganzer Körper war nur noch ein einziger Schmerz. Nur gebeugt und mühselig konnte ich noch laufen, eben bis in das Zimmer meiner neuen Gefährten. Von der Umgebung bekam ich wenig mit. Drei Baracken, ringsherum Stacheldraht, Wachtürme, Hunde...«

Klaus Auerswald (unser Foto) war im berüchtigten Armeeknast in Schwedt inhaftiert. Der ehemalige Soldat wurde 1968 wegen angeblich »mehrfach begangener staatsfeindlicher Hetze« zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Seine staatsfeindliche Hetze hatte darin bestanden, dass er sich kritisch mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in der damaligen CSSR auseinandersetzte.

Das Militärgefängnis Schwedt war das einzige Militärgefängnis der Deutschen Demokratischen Republik und befand sich in der nordostbrandenburgischen Stadt Schwedt an der Oder. Es wurde zur Inhaftierung von Angehörigen der Nationalen Volksarmee genutzt. Die Gründe für die Inhaftierungen teilen sich zur Hälfte in normale Straftaten wie Körperverletzung oder Diebstahl sowie in Militärstraftaten wie Befehlsverweigerung, Fahnenflucht oder Alkohol im Dienst. Am 26. April 1990 wurde der letzte Militärstrafgefangene entlassen und am 31. Mai 1990 wurde die Einrichtung geschlossen. Die Gefangenenbaracken wurden in den 1990er Jahren abgerissen.

In dem Buch »…sonst kommst du nach SCHWEDT!« skizziert Klaus Auerswald – der gebürtige Dresdner lebt heute in Leipzig – seine Erlebnisse, die er als inhaftierter Militärangehöriger sammeln musste. Seinem Bericht liegen die einschlägigen Akten zugrunde, die Auerswald nach der politischen Wende einsehen durfte. Herausgekommen ist ein dokumentarisches Zeugnis, das einen tiefen und zugleich erschütternden Einblick in die DDR-Militärstrafpraxis gewährt.

»Durch die Abschaffung des Unrechtssystems DDR mit samt der Stasi kam ich in den freudigen und zuckersüßen Genuss der Rehabilitierung und zum ersten Mal konnte ich nun auch meine Anklageschrift und mein Urteil außerhalb der Gefängnismauern in den Händen halten und damit das Unrecht und die Willkür in der DDR belegen«, schreibt Auerswald am Ende seines Buches. »Dies bereitete mir eine große Genugtuung. Mit Freuden zeigte ich nun den SED-Bekannten in meiner Umgebung die bundesdeutsche Gerichtsverfügung, die bestätigte, dass ich, auch im Sinne des DDR-Rechtes, zu Unrecht verurteilt worden war.«

ACHTUNG! Die Auslieferung beginnt am 3.Mai 2010!

Klaus Auerswald: …sonst kommst du nach Schwedt! – Bericht eines Militärstrafgefangenen
Greifenverlag zu Rudolstadt & Berlin
ISBN 978-3-86939-521-0
ca. 180 Seiten (geb. Ausgabe)
12,90 EUR

Montag, 12. April 2010

Anne Gallinat präsentierte ihr neues Buch


"Hannes Bistro" heißt das neue Buch von Anne Gallinat - erschienen im Greifenverlag -, das sie jetzt in Rudolstadt vorstellte. Es erzählt die Lebens-Geschichten dreier Bistro-Stammgäste, allesamt vom Leben gebeutelt.

In Hannes Bistro spielen sich interessante Geschichten ab. Noch aufregender sind mitunter aber die Lebens-Geschichten derer, die als Stammgäste in seinem Lokal verkehren.

Anne Gallinat stellte am Freitag im Zunftkeller des Handwerkerhofs in Rudolstadt jene Geschichten vor, die sich in und um Hannes Bistro so der Titel ihres aktuellen Buches aus dem Greifenverlag begeben.

Hannes hat sich in einem ehemaligen HO-Fleischerladen eingerichtet. Neu sind lediglich zwei Stehtische und ein Tresen, erklärte Gallinat. Bei ihm fühlen sich Absteiger und Versager wohl, erzählte die Vorsitzende des Thüringer Schriftstellerverbandes. Das Leben dreier dieser Stammgäste beleuchtet sie im Buch besonders.

Oftmals führten die Mitleid erregenden, aber liebevoll erzählten Erlebnisse und Ansichten des Docters unter den Zuhörern zu einem Schmunzeln. Alle nennen den von der Stasi bespitzelten Alkoholiker im Buch nur Docter, weil er einstmals ein Chirurg war, der Arbeit und Frau verlor. Nur eine ist ihm treu geblieben: sei Ulrikche. Sie ist eine feine Dame, kein gewöhnliches Weibsbild, verteidigt er seine Beste. Die Rede ist von seinem Fahrrad das Einzige, das ihm blieb. Eine feine Dame ist außerdem Ruth, die in Hannes Bistro ebenso bekannt ist wie Bärbel oder Friedrich mit dem Hütche. Die Dialoge im Buch schreibt das Leben, in einem Dialekt, den Gallinat als fiktiv bezeichnet. Ursprünglich sollte es ein Thüringer Dialekt sein. Aber in jeder Ecke wird hier anders gesprochen, deswegen ist der Dialekt in meinem Roman keiner Region zugeordnet, erklärte sie. So klingen die Texte ein bisschen nach Thüringen, Bayern und Saarland.

In der Diskussion nachgefragt, erzählte Gallinat aus ihrem Leben als Freiberuflerin, von der Zusammenarbeit mit dem Greifenverlag und ihrer Leidenschaft, dem Schreiben.

Dominique Lattich / Ostthüringer Zeitung (OTZ)