Dienstag, 23. März 2010

Greifenverlag: Zwischen Napoleon und Bistro

Das Verschwinden traditioneller Verlage und die Verödung der mitteldeutschen Bücherlandschaft wird oft beklagt. Umso schöner, dass ein wichtiger Thüringer Verlagsname wieder aufgetaucht ist: der Grei¬fenverlag zu Rudolstadt.

Ein Autor des alten Unternehmens, einst auch dessen Cheflektor, hätte heute seinen 95. Geburtstag gefeiert: Paul Schmidt-Elgers. Er schrieb das, was in der DDR Spannungsliteratur hieß, also erfolgreiche Krimis, aber auch Historienromane, so die „Jungfrau Johanna". Aus dem Nachlass präsentiert der neue Greifenverlag nun den Roman „Im Schatten Napoleons" mit dem Untertitel „Joseph Fouche - Meister der Intrige". Kenner werden einwenden: Über den Polizeiminister in wechselnden französischen Regierungen hat doch Stefan Zweig ein packendes und gültiges Lebensbild vorgelegt. An Zweig reicht Elgers gewiss nicht heran; er wählt einen anderen Zugriff, beschreibt quasi dokumentarisch Fall, Wiederaufstieg und tiefen Fall des Imperators ab 1813. Fouches Leben wird daneben, auch in kurzen Rückblenden, eben „im Schatten", geschildert. Das Buch bietet eine genaue Recherche aller diplomatischen Winkelzüge und des Fürstengeschachers zwischen Paris, Neapel, Dresden und Elba, zwischen Völkerschlacht bei Leipzig und dem Tod des gefürchteten Opportunisten im Exil zu Triest.

Doch auch der Gegenwart fühlt sich der neu gegründete Verlag verpflichtet. „Hannes Bistro" von Anne Gallinat ist ein kurzer Roman, der mehrere Erzählungen einschließt: Die meist Benachteiligten, Ausgegrenzten, aber auch lokalen Größen, die sich in einer kleinstädtischen Imbissbude treffen, beschreibt die Saalfelder Autorin treffsicher und pointiert, lässt sie in bodennaher Umgangssprache von hohem poetischen Reiz zu Wort kommen. Lebenswege kreuzen und verstricken sich. Man merkt der Autorin ihre gediegene Film-Ausbildung an; manche Geschichte, manch Charakter kann man sich wunderbar auf Leinwand oder Bildschirm vorstellen; wenn Geschichten nicht auf der Straße liegen, so sitzen sie im Bistro herum. Trotz der Versicherung, dass alle Personen der Fantasie der Autorin entsprangen, werden Kleinstädter die eine oder andere Figur wiederentdecken, vielleicht nicht nur in Saalfeld.

Von Matthias Biskupek / Thüringer Allgemeine

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