Ist den Griechen nichts heilig? Und doch: In der hellenischen Republik, wo die aufgetürmten Staatsschulden den Euro unter sich zu begraben drohen, während sich manche Staatsbedienstete schon mit dreißig Jahren in den Ruhestand verabschieden und jugendliche Massen die Wiege des Abendlandes zum Schaukeln bringen, trotzt in einem abgeschiedenen Winkel die autonome Mönchsrepublik Athos mit ihren orthodoxen Glaubensbrüdern allem Profanen.
Zu diesem Heiligen Berg, in die verborgene Abtei von Petrovouni, führt den Privatermittler Mike Heller von der Investigation & Protection S.A. mit Sitz in Brüssel ein Routineauftrag, der bald kein solcher mehr ist. Denn hier gehen weit seltsamere Dinge zu als nur religiöse Liturgie. Redselige Kuttenträger werden zu ihrem Schöpfer befördert, Besucher verschwinden ebenso spurlos wie Fischerboote, die in einer verbotenen Bucht festmachen. Mit jedem Schritt gerät Heller tiefer in das Geflecht eines Mysteriums, das weit in die Geschichte zurückreicht. Die Spur führt ihn an die Hohestätten der mittelalterlichen Tempelritter, des mächtigsten Ordens ihrer Zeit, den Philipp IV. von Frankreich wegen Ketzerei und Sodomie 1307 liquidierte, in Burgen und Klöster in Portugal und Spanien. Doch vielleicht liegt die Lösung des Rätsels um die Kristallköpfe auch unter einer von Schatzsuchern zerpflügten Insel vor der Ostküste Kanadas.
Mit Heller zeichnet André Steiniger eine ironische James-Bond-Variante mit kleinen Defekten am Macho-Gen. Statt eines heißen Drahtes hat der Held hier eher eine lange Leitung. Dennoch wird nichts ausgelassen, was Männern und Frauen Spaß macht, und die vielen ironischen Anspielungen auf die Ian-Fleming-Figur dürften Anhängern dieses Kults Vergnügen bereiten. Auch fehlt es nicht an liebevollen und detailgetreuen Gebrauchsanweisungen für Freunde der Schließ- und Sicherheitstechnik. Vor allem aber leistet Steiniger Aufklärungsarbeit im doppelten Sinn: neben der kriminologischen erkundet er die Geschichte der Handlungsorte. In den Blick geraten dabei Themen wie die rassische Nazi-Institution »Ahnenerbe«, das griechische Obristenregime und nicht zuletzt der klerikale Faschismus unter Salazar sowie Portugals Nelkenrevolution von 1974.
Das angehängte Wort- und Personenregister erweist sich bei der Lektüre als sehr nützlich. Für Nachauflagen wären Illustrationen und Karten zu wünschen, die dem Leser die Orientierung im Gelände erleichtern.
André Steiniger: Das Athos-Komplott. Greifenverlag, Rudolstadt/Berlin 2010, 487 Seiten, 19,90 Euro
Ernst Blofeld / junge Welt
Samstag, 20. März 2010
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